Die letzten Herbst erschienene "Geschichte der musikalischen Bildung" ist mehr als der Titel verspricht, da sie den Rahmen institutionalisierter Bildung und Erziehung sprengt. Sie fragt nach den Ursprüngen der Musikkultur und stellt fest, dass die Geschichte der Musik mit der Geschichte des Menschen beginnt. Autor Karl Heinrich Ehrenforth hat ein ehrgeiziges, umfangreiches Werk vorgelegt, das den enormen Zeitraum von 3000 Jahren erfasst. Der langjährige Professor für Musikpädagogik an der Musikhochschule Detmold entwirft bei aller Wissenschaftlichkeit ein gut lesbares Bild eines Themenfeldes, das mangels Material oftmals einen dürftigen Forschungsstand aufweist. Dafür verbindet der Verfasser theologische Kenntnis mit historischer und musikalischer Kompetenz.
In vierzig "Stationen", wie die einzelnen Kapitel wegen ihrer Vorläufigkeit genannt werden, wird der Leser von den antiken Hochkulturen über das jüdisch-christliche Gotteslob zum Mittelalter und von dort in die Neuzeit geführt, wo sich die Standards musikalischer Erziehung schließlich formen und festigen. Unklar bleibt der Beginn musikalischer Bildung in Europa. Ehrenforth bezieht die dürftig dokumentierte antike Musikpraxis von Platon und Aristoteles ein. Von den Philosophen kommt er zur neuen Musikerfahrung des Augustinus, die bei Karl dem Großen vertieft wird. Der Leser erfährt anschließend viel über Luther und Bach. Einfühlsam werden die Pioniere moderner musikalischer Bildung geschildert: von Jean Jacques Rousseau zu Pestalozzi, Zelter und Fröbel.
Die Gegenwart wird nicht ausgeblendet, im Gegenteil: je greifbarer die erinnerte Geschichte wird, desto kritischer werden Ehrenforths Einwände. Skeptisch blickt er auf die utopischen Entwürfe einer "umfassenden Volksbildung durch Musik" und die patriotischen Visionen nach dem Motto: "Wo man singt, da lass dich ruhig nieder ...", die im 19. Jahrhundert entworfen wurden. Erst recht gilt dies für die Musikerziehung des 20. Jahrhunderts. Sie lebte von der Sehnsucht einer neuen, sinneshaften, körperbetonten, eng mit dem Rhythmus verbundenen Bewegung, die aber nicht selten ins Primitive verfiel.
Die "unpolitischen Kleingärten" der Jugend- und Musikbewegung wurden dann vom Nationalsozialismus vereinnahmt und in die "große Gemeinschaft" überführt. Die Folgen des tiefen Sturzes dauern bis heute an. Diesen "holzschnittartigen Umriss der letzten Jahrzehnte" schildert Ehrenforth ohne Beschönigung. Gleichzeitig leitet er Perspektiven her für die Zukunft "im spitzen Winkel subjektiver Problemformulierungen", die den Leser eher ratlos zurücklassen. Trotzdem bietet das umfangreiche Werk einen verdienstvollen Überblick.
RK
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