Nobelpreisträger Thomas Mann hat nicht nur in der Literatur Spuren hinterlassen. Seine Familie mit den sechs Kindern hat zu allen Zeiten für Furore gesorgt. Für Uwe Naumann, der letzten Herbst einen interessanten Bildband über die Manns herausgebracht hat, sind sie "Vorläufer für eine heute immer selbstverständlicher werdendes, grenzüberschreitendes Bürgertum". Mit seinem Blick auf die Kinder entfächert Naumann allerhand Facetten des wohl, wie er meint, "meistbeschriebenen und bestkommentierten Clans der Kulturgeschichte". Bislang war so kenntnisreich und anschaulich Gebündeltes über die Kinder Manns nirgends zu lesen.
"Sechs Kinder mit höchst unterschiedlichen Charakteren und Temperamenten", heißt es einleitend. Alle haben sie geschrieben, doch auf höchst unterschiedliche Weise, mit wechselnder Wirkung und Erfolg. Alle hinterlassen Spuren in Literatur, Wissenschaft und Zeitgeschichte. Das Gruppenbild von Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael Mann gelingt differenziert. Es vermittelt Einblick in die geistige Lage der damaligen Zeit, als Kriege und Diktatur dem 20. Jahrhundert zusetzten.
"Jemand wie ich sollte selbstverständlich keine Kinder in die Welt setzen", entfährt es einmal Thomas Mann, der stets auf seine Ruhe beim Arbeiten bedacht war. Dass das halbe Dutzend Nachkommen dann doch nicht die bürgerliche Welt trübten, dafür sorgte Ehefrau Katja. Ihrer umsichtigen Regie verdankt die Literatur Thomas Manns einiges. Die Kinder revoltieren jedoch jedes auf seine Weise gegen den ignoranten Vater, der seine Aufmerksamkeit ungleich verteilt. Erika und Klaus machen früh auf sich aufmerksam durch künstlerische Extravaganz. Golo wird einer der bedeutendsten deutschen Historiker, Monikas Literatur wird ignoriert. Elisabeth, Manns "Liebste", wird Wissenschaftlerin. Michael, immer "fremd" geblieben, bricht seine Musikerkarriere ab und wird Germanist. Später begeht er Selbstmord.
Im Exil kreuzen sich die Wege der Manns wieder. Unermüdlich erheben sie ihre Stimme gegen die Nazis in unterschiedlicher literarischer Form. Der Vater hält Ansprachen im Rundfunk, Sohn Klaus gibt eine Zeitschrift heraus. Gemeinsam mit Erika gehört letzterer zu den Wortführern im Exil. Beide kehren in amerikanischer Uniform in ihre Heimat zurück. Ernüchternd für den Clan gestalten sich die Nachkriegsjahre. Klaus scheidet freiwillig aus dem Leben, Erika wird des Vaters Sekretärin. "Seine Assistentin und Editorin, seine Unterhalterin und Hofnärrin", wie Golo süffisant anmerkte.
Insgesamt entwirft Uwe Naumann ein recht differenziertes Bild der Familie. Es bringt zwar wenig Neues, besticht aber durch seine Geschlossenheit. Alle Mann-Kinder erhalten ein Gesicht, das auszufüllen dem Leser dank der zahlreichen Selbstzeugnisse und Bilddokumente nicht schwer fallen dürfte. Deutlich wird ihr ambivalentes Verhältnis zum Vater. Es zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Band.
RK
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