"Aber was haben denn Ihre Landsleute erwartet", prustete Dai Sijie los. „Sollten sie China tatsächlich für ein demokratisches Land gehalten haben, das nach westlichen Maßstäben zu beurteilen ist?“. Eine Welle der Heiterkeit schüttelte den 1954 geborenen Mann, der seit 1984 im Pariser Exil lebt. So viel Naivität von deutscher Seite fand Sijie richtiggehend lustig, als er bei der diesjährigen Buchmesse über "sein" Gastland China referierte.
Diese offenherzige und unmissverständliche Art ist es, die einen der größten chinesischen Autoren der Gegenwart auszeichnet. Und das, obwohl er eine strenge sozialistische Umerziehung in seiner Jugend über sich ergehen lassen musste. Für ihn aber kein Grund zur Traurigkeit. Er sieht die Welt so, wie sie ist, und dazu gehören in einem ehemals kommunistischem, jetzt autokratisch kapitalistischem Staatsgefüge eben auch Unterdrückung, Folter und menschenverachtende Indoktrinationen. Es liegt am Einzelnen, sich diesem Schicksal zu stellen und das Beste daraus zu machen.
Als Schriftsteller kann er diese emotionalen und mentalen Differenzen besonders gut repräsentieren. Gepaart mit seinen dialektischen Fähigkeiten gelang ihm 2001 mit Balzac und die kleine chinesische Schneiderin ein offensichtliches Manifest der Menschenwürde, das ihn einerseits bestimmt so schnell nicht wieder nach China reisen lässt und andererseits zahlreiche offene Herzen beschert hat, die ihm nicht nur in der westlichen Welt, sondern auch in seinem Heimatland zuhören wollen.
Sein neuester Streich behandelt abermals autobiograhische Geschehnisse, haben wir es doch erneut mit der Melange chinesischer und französischer Kultur zu tun. Und darüber hinaus mit einer tiefschichtigen Kombination aus Liebesgeschichte und der Historie und Bedeutung der chinesischen Kultur.
In der Hörbuchfassung gelingt ein nicht einfach zu vollziehender Spagat: Drei verschiedene Sprecher interpretieren die drei Ebenen der Schilderung: Svenja Wasser als souveräne Ich-Erzählerin, Werner Rehm mit seiner nüchternen und sonoren Stimme als Erzähler der historischen Schilderungen und Patrick Heppt als Erzähler aus der Sicht von Tumschuk. Diese "dreifaltige" Lesung ist bisweilen so angenehm, dass es dem Hörer wie eine gut aufeinander abgestimmte Hintergrundmusik vorkommen mag. Durch diese hervorragende Leistung wird die offensichtliche Schwierigkeit des Plots, nämlich die Vielschichtigkeit, die allerhand Orte, Personen und Kulturmomente aufgreifen will, sehr gut ausgeglichen.
Ein wahrlich vielseitiges Hörvergnügen also mit chinesichem Lokalkolorit, mit Augenmerk auf Philosophie und dem darin enthaltenen Suchen und Finden der geistig-spirituellen Bereicherung. Manche Passagen sind nicht immer leicht zu verstehen, aber, so möge man Sijie selbst sprechen, was glaubt denn der Europäer schon, was er mit seiner aristotelischen-rationalistischen Sichtweise überhaupt verstehen kann. Doch wer dieses Einfühlungsvermögen in andere Kulturen besitzt und den inneren Ethnologen aufrufen kann, der wird in diesem Roman ausgewählte Aspekte ostasiatischer Weisheit entdecken und sie ganz bestimmt wieder und wieder abrufen. Beim Hörbuch geht das ja mit der Skip-Funktion ganz einfach.
MG
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Verlag interconnections