Auf beinahe jede Situation des täglichen Lebens lässt sich ein passender Sprichwort anbringen. In den wenigsten Fällen weiß man dann aber, wer der Urheber des schlauen Spruch war, und manchmal ist sogar die ursprüngliche Bedeutung davon flötengegangen, so dass man sich bisweilen stirnrunzelnd fragt: Wer ist dieser Barthel, und wo holt er denn nun den Most?
Antwort auf diese und ähnliche Fragen gibt Wolfgang Hug mit seiner Kleinen Kulturgeschichte geflügelter Worte, die dem Kulturgut Sprache aufs Ausgefeilteste huldigt.
Dass Hug nicht nur Germanist, sondern auch passionierter Historiker ist, davon zeugen Kapitel wie das der herkömmlichen Wendungen der Alltagssprache Aus vormoderner Lebenswelt. So erzählt er in Aus bäuerlichen Traditionen von der konservativen Grundhaltung der bäuerlichen Gesellschaft, die sich in Sprichwörtern wie Was der Bauer nicht kennt, das (fr)isst er nicht zu Buche schlug. Mit Redensarten aus der Ritterzeit erinnert er an Boten oder Ritter, die, ohne vom Pferd zu steigen, handeln: etwas aus dem Stegreif tun (und nicht: Stehgreif!). Sprüche wie alle Register ziehen stammen dagegen aus kirchlichem Umfeld, wie Hug mit einem Verweis auf das Orgelspiel anführt.
Von staubtrockenen historischen Abhandlungen könnte der emiritierte Professor mit diesem Werk aber nicht weiter entfernt sein - er beschreibt im Gegenteil äußerst kurzweilig, wie es zu den jeweiligen Sprichwörtern kam. Dass man dabei auf angenehmste Weise mit kulturellen, sprachlichen, historischen und sonstigen Wissenshappen gefüttert wird, macht die Lektüre umso spannender.
Besonders charmant sind die Kulturhappen, die Hug in anderen Ländern ausgegraben hat, beispielsweise in Äthiopien, wo es heißt: Je kleiner die Eidechse, umso größer is ihre Hoffnung, ein Krokodil zu werden. Schlau auch die Empfehlung aus der Türkei: Halte die Augen offen, sonst öffnen sie dir andere! - an Weisheit eigentlich nur zu überbieten von den Chinesen: Unsere Wünsche sind wie kleine Kinder; je mehr man ihnen nachgibt, desto anspruchsvoller werden sie. Und wer hätte gedacht, dass der bekannte Spruch Lache - und die Welt ist mit dir! Weine - und du weinst allein! ebenfalls aus dem Fernen Osten stammt?
Wer ein gutes Gedächtnis hat, kann den nächsten Smalltalk raffiniert damit würzen und bei der Begrüßung beispielsweise lässig Name ist Schall und Rauch fallen lassen, mit der dazugehörigen Information, dass sich einst Goethes Faust mit diesem Spruch auf sein Verhältnis zur Religion bezog. Wahlweise kann man auch auf der nächsten Anti-Kriegs-Demo ganz gelehrte Parolen ausgeben: Dulce bellum inexpertis - das wusste ja schon Erasmus von Rotterdam.
Aber eigentlich lässt sich das Buch am besten abends gemütlich auf der Couch genießen, womöglich mit einem Glas guten Weins, denn, na klar: In vino veritas!
HM
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