Allein das Foto auf dieser schönen CD sorgt für ein Schmunzeln in Betrachters Gesicht. Heinrich Lübke an seinem Schreibtisch, mit großen Ohren, großer Nase, kleinen Augen und einem Gesicht, das suggerieren möchte: "ich hab was zu sagen, aber mit Worten kann ich’s nicht erklären". Ja, so darf man heute über Lübke sprechen. Und schon damals in den 60er Jahren machte sich die Journaille und das gemeine Volk daran, die Sprachunfertigkeiten ihres Bundespräsidenten aufs Korn zu nehmen.
Aber Vorsicht: Zu jener Zeit regierte doch noch ein höfisch-bürgerliches Quäntchen Anstand mehr als heute. Und dies ist auch gar nicht anrüchig oder antiquarisch, denn im Booklet oder auf der CD selbst wird noch der Original-Begleit-Text der 60er Jahre verwendet, mit freundlicher Genehmigung von der Zeitschrift Pardon, die 1965 diese "Satire" erstmals veröffentlichte. Hörkunst bei Kunstmann legt dieses Meisterwerk jetzt neu auf und wird nicht nur alte "Parteifreunde" begeistern. Heinrich Lübke war einfach zu originell, als dass dies an jemandem der der deutschen Sprache mächtig ist, vorbei gehen kann.
Zu Beginn der CD ist eine Rede zum damaligen Nationalfeiertag, dem 17. Juni, zu hören. Heinrich Lübke spricht vor Publikum in Helmstedt und freut und bedankt sich, ausgerechnet hier zu sein, ähh, sagt er zu sich selbst, hier in, ähhh, ihm fällt nicht ein, wo er ist, bis das Publikum nach einigem Murren Helmstedt ruft, um danach in ein lautes Stöhnen zu verfallen. Das ist meisterlich, genau so wie sein "Equal goes it loose" zur englischen Königin bei einem Festakt in Brühl. Noch meisterlicher ist aber auch die Fähigkeit eines Menschen, sich so portraitieren zu lassen, egal ob tot oder lebendig.
Es bedarf einer großen Portion Selbstironie und Leichtigkeit, um diese Scharade selbst zu sein. Das macht ihn sympathisch. Auf der CD sind zwar "nur" 35 Minuten Spielzeit, doch die haben es in sich. Die Rede über das Wasser kann hier nicht wiedergegeben werden, sei aber jedem wärmstens empfohlen, ebenso wie seine prächtigen Äußerungen über Kanada. Dazu dieser sauerländische Akzent. Ha, herrlich.
Was allerdings ein bisschen stören kann sind die Begleittexte, die manchmal einen Tick zu ironisch und zu süffisant daherkommen, und überhaupt wollen wir ja nicht irgendwelche Synchronsprecher hören sondern Heinrich Lübke. Auch die schallwellenartige Wiederholung einiger seiner sprachlichen Patzer verfehlt ihre angestrebte Wirkung. Das wars dann schon als negative Kritik. Positiv ist auch noch anzumerken, dass diese CD in sehr viele kurze Stücke eingeteilt ist, so dass man seine Lieblingsreden schnell und einfach wiederfindet. Für den kleinen Preis ist das antiquarische Meisterwerk sehr zu empfehlen. Viel Vergnügen.
MG
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