Vor nicht allzu langer Zeit habe ich das Buch "Der Jahreskreis" von Martina Kaiser rezensiert. Ein kleines, feines Büchlein, das sich sanft an den Kräften der Natur des Jahres orientierte und diese dementsprechend würdigte und integrierte. Nun liegt wieder ein Band vor, deutlich opulenter mit fast 400 Seiten und relativ kleiner Schriftgröße, das ebenfalls den Jahreskreis als Lebenshilfe nutzen möchte. Allerdings besteht zwischen den beiden erwähnten Büchern ein großer Unterschied.
Das hier vorliegende Werk orientiert sich ausschließlich an den christlichen Festen, die ja auf ihre Art auch einen Jahreszyklus beschreiben. Und, ich gestehe es, diese Tatsache bedeutet für mich einen Griff in ein Wespennest. Denn so sehr ich die Natur und die kosmischen Kräfte ehre und schätze, so sehr verabscheue ich christliche oder mentale Pfropfen, die dem Urgrund übergestülpt werden. Ich bin sozusagen ein waschechter "Anti-Christ" und als solcher ist diese Rezension für mich eine echte Herausforderung.
Bleibt zuerst einmal festzustellen, dass der Autor ein Werk vorlegt, das für diese Thematik keine Fragen mehr offen lässt. Der unheimlich viele Anregungen und Inspirationen gibt, und der es dem Leser ermöglicht auf persönliche Entdeckungsreise und Selbstentwicklung zu gehen. Beginnend in der Adventszeit, wird jedes christliche Fest (Weihnachten, Dreikönigstag, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, etc.) vorgestellt, deren Geschichte erläutert und dessen übertragende Bedeutung ausgearbeitet. Diese Bedeutungen (Advent = Erwartung, Dreikönigstag = Neugier, Himmelfahrt = Trennung, etc.) werden psychologisch (Der Autor ist Diplom-Psychologe und(!) Theologe) dem Leser näher gebracht und durch eine Vielzahl von Impulsen (deutlich als kleine Kästchen gekennzeichnet) kann der Rezipient auf persönliche Entdeckungsreise gehen - sei es als Teil von Meditation, Visualisierung, zwischenmenschlicher Praxis oder Atemarbeit.
Alles Techniken also, die in keinem guten Psychologie-Haushalt fehlen dürfen. Wie gesagt, das ist einwandfrei, das ist sauber und das ist anspruchsvolle theologisch-psychologische Lebenshilfe, die in keinster Weise überheblich oder zwanghaft wird. Das an keiner Stelle von den ursprünglichen keltischen Festen berichtet wird, auf denen ja bekanntlich alle(!!!) christlichen Feste basieren, kann man dann fast nicht übel nehmen. Genau so wenig die Fehlinformation, dass bei den Kelten ebenso wie bei den Christen das Jahr zur Adventszeit begann (tatsächlich begann es am 1.November). Und es ist auch nicht verwunderlich, dass er alle wissenschaftliche Forschung zum Trotz sehr bibeltreu vorgeht, das heißt also beispielsweise die historisch faktische Mär von den heiligen drei Königen weder hinterfragt noch zumindest anspricht.
Dies entspricht den Vorstellungen und den Erwartungen der Leser, die, wie es die Osterzeit ja vorgibt, die Welt im "positiven Sinne erleiden" müssen. Für mich ist das nichts - das habe ich bereits erwähnt - und auch, dass dies noch lange kein Grund ist, dieses Buch nicht zu kaufen. Vor allen Dingen, wenn der sehr belesene Behringer Jung, Hesse, Nietzsche, Dethlefsen oder Rilke zitiert, und somit sein offenes Spektrum den Möglichkeiten der Welt gegenüber zeigt. Für interessierte Christen eine aufschlussreiche und reichhaltige Entdeckungsreise. Für Nicht-Christen, äh, ach lassen wir das.
MG
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